Zu den Merkwürdigkeiten unserer Medienlandschaft gehört es, dass von den vielen Menschen, die schreiben, filmen oder moderieren, am Ende immer nur eine kleine Gruppe auf dem Podest der Prominenz steht.
Beispiele gibt es da einige: Bei Christiansen saß gefühlte 100 Mal der Westerwelle oder der Unternehmer Wöhrl, als gäbe es nicht auch andere Liberale und andere Unternehmer. Die Redaktionen griffen jedoch sehr oft zu den immergleichen Studiogästen. Das gleiche Phänomen kann man im Radio ebenfalls beobachten. Die reale Zahl der Interviewpartner z.b. aus den Reihen der Politik ist sehr klein, immer kommt eine ganz bestimmte Riege medial bereits bekannter Gesprächspartner zum Zuge. Dabei gäbe es in den hinteren Bankreihen der Parlamente noch eine Vielzahl mehr Fachpolitiker, die auf die gleichen Fragen sicher genauso gut antworten könnte. Das krasseste Beispiel war der SPD-Abgeordnete Karl Lauterbach, der von den Zeitungen immer als “SPD-Gesundheitsexperte” zitiert worden ist, obwohl er diesbezüglich gar kein Amt innehatte. Die eigentliche offizielle Gesundheitsexpertin Carola Reimann hört man hingegen selten. Aber Lauterbach war medial bekannt und daher beliebt – zumindest in den Redaktionen.
Zum 20. Mauerfalljubliäum durften im Fernsehen zwei Promis auch nicht fehlen, die auch sonst immerfort präsent sind: Thomas Gottschalk als Moderator und Guido Knopp als Gesprächspartner. Beide Figuren hatten mit dem Mauerfall als historischem Ereignis soviel zu tun wie ich mit dem Siegtor Andy Brehmes 1990 im WM-Finale. Aber das ist ja längst kein Kriterium mehr – Hauptsache, man trifft auf ein bereits bekanntes Gesicht.
Anlass dieses kleinen Verrisses ist ein weiterer Preis für Stefan Niggemeier. Irgendwann hat es Niggemeier u.a. mit Bildblog zu einer gewissen Prominenz geschafft. Seitdem sammelt er Preise. Zwar leistet Niggemeier durchaus preiswürdige Arbeit. Verwunderlich ist daran nur die Häufung. Offenbar war der erste Preis, den er errang, eine Initialzündung für eine Art Preiskarriere.
Es gibt einen weiteren Mann aus der Bloggerszene, der nunmehr eine erstaunliche Prominentenkarriere gemacht hat: Markus Beckedahl. Wiederum trifft es nicht den Falschen: Netzpolitik ist in meinem Augen ein unverzichtbares wie gutes Medium. Aber die Häufung der Berichterstattung über Markus ist interessant. Irgendwann einmal entdeckte ihn die altehrwürdige Medienlandschaft und seitdem ist er immer mal wieder für ein Feature oder Interview gut – sprich: er ist eine Nachricht geworden, von der man sich die Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten erhofft.
Jedenfalls haben Niggemeier und Beckedahl seit Erlangung ihres Promistatus im Grunde nur getan, was sie vorher auch schon getan haben: anständig informiert. Weil der Mensch nun mal nur 24 Stunden am Tag für solche Geschäfte nutzen kann, haben sie ihren Ausstoß auch nach den ersten Preisen und Berichten über sie nicht erhöht. Sie tun also das Gleiche wie zuvor, aber sammeln nun öffentliche Aufmerksamkeiten. Oder um es gerecher zu formulieren: Die Spender öffentlicher Ehrung und Aufmerksamkeit halten es für nötig, die nun bereits mit solcher bedachten Herren mit noch mehr davon zu beschenken. Es kommt einem so vor, als wollten sie die Preiswürdigkeit von z.b. Niggemeier durch noch einen Preis bestätigen. Oder aber sie bestätigen die Ehrwürdigkeit ihres Preises dadurch, dass sie ihn an einen Menschen verleihen, der ja kraft eines bereits an ihm verliehenen Preises öffentliche Anerkennung besitzt. Könnte es also sein, dass sich die Preisverleiher eigentlich das symbolische Kapital von Niggemeier borgen, der dann seinerseits neues Kapital durch den von ihm selbst aufgewerteten Preis erhält?
Auf jeden Fall ist es eine Frage wert, warum die Preisverleiher nicht zur Abwechslung mal auch jene bedenken, die trotz gleichermaßen guter Arbeit noch nicht im öffentlichen Rampenlicht stehen. Dies würde den inhaltlichen Wert einer solchen Anerkennung wieder herstellen. Eine Monopolisierung derselben aber wirkt eben wie ein Matthäuseffekt: Es bekommt vor allem der die öffentlichen Weihen, der sie schon hat und gar nicht mehr so sehr benötigt. Die, die sowieso unbekannt sind, gehen weiterhin leer aus.
update: Anne Roth macht sich aus feministischer Sicht Gedanken über die Aufmerksamkeitsverteilung
update2: Ich möchte gar nicht erst das Missverständnis einer Niggemeier-Schelte aufkommen lassen. Seinen Blog lese ich gerne. Die vielen kleinen Fehlerquellen sind für mich interessant, weil ich beruflich viel mit journalistischen Quellen zu tun habe. Ich lerne daher viel auf Niggemeiers Blog über diese Sorte Quelle und ihre Anfälligkeiten.
[...] Grob ähnliche Gedanken kann man hier aufrufen – muss man aber [...]