Weil ich nun doch einen überlangen Kommentar zur Feminismus-Diskussion bei Anne drüben geschrieben habe, veröffentliche ich ihn hier, anstatt Annes Seite damit zu verstopfen:
@Anne
Wer leidet am meisten?
Die Frage ist falsch gestellt. Darum kann es nicht gehen. JEDES Leid ist schlecht. Es geht nie und nimmer darum, dass die eine Gruppe mehr Opfer ist als die andere. Denn was würde das schon ändern? Angenommen ich könnte als Mann nachweisen, dass Männer doch mehr leiden als Frauen? Macht das irgendeine der Studentinnen von Montreal wieder lebendig? Wird dadurch eine Vergewaltigung weniger schrecklich? Um das Spiel mal noch mehr zuzuspitzen: Auch wenn in der gesamten Menschheitsgeschichte nur eine einzige Frau wegen ihres Frauseins misshandelt worden wäre: Sie hätte die Hölle durchlitten und das ist verwerflich.
Menschliches Leid kann nicht relativiert werden. Es kann also niemals Ziel sein, das Leid von Frauen zu bagatellisieren, indem man(n) behauptet, sie seien letztlich die doch kleinere Opfergruppe. So etwas liegt mir völlig fern.
Wesentlich ist vielmehr, dass man realistische Bilder von der Gesellschaft macht: die Gesellschaft ist eben patriarchalisch, aber nicht nur. Sie ist es nicht bis in den letzten Winkel und nicht alles, was passiert, ist letztlich ein Genderproblem. Oder mit Giddens gesprochen: Es gibt immer auch eine Dialektik der Macht, es gibt nicht einfach den Machtlosen einerseits und den ausschließlichen Besitzer von Macht andererseits.
Die Frage “wer leidet am meisten” impliziert aber solche falschen Dichotomien, die der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht gerecht werden.
Klar sind etwa Männer viel häufiger Gewaltopfer, weil Gewalt viel mehr unter Männer stattfindet.
Genau. Und wer hier Opfer oder Täter ist, ist oft davon abhängig, wie so eine Schlägerei ausgeht. Daher ist es oft schwer, mit solchen Kategorien zu arbeiten. Hier geht es nicht selten um die von Bourdieu sogenannten „Wettbewerbspiele“ unter Männern. Nebenprodukt dessen ist leider, dass Leute wie ich durch solche Männer bedroht werden und dass ich zumindest dem nichts entgegenzusetzen habe (körperlich), also dann immer der Verlierer bin.
Genauso sitzen ja auch viel mehr Männer im Knast – in absoluten Zahlen.
Das wiederum hat auch mit der Anzeigehäufigkeit zu tun: Gewalt von Männern wird vielfachhäufiger angezeigt als Gewalt von Frauen. Gewalt von Männern scheint gesellschaftlich weniger akzeptabel (sieht man mal von der Verherrlichung der Schlägereien in manchen Milieus ab). Gewalt von Frauen ist in der Gewaltforschung ziemlich unterbelichtet, Gewalt wurde bislang nicht als ein Frauenproblem wahrgenommen. Frauen kamen meist als Opfer vor, nicht aber als Täterinnen. Man weiß aber, dass es Täterinnen gibt. Hier kann es nicht darum gehen, Frauen zu Täterinnen umzudichten, sondern es soll nur ein realistischeres Bild gezeichnet werden.
Insofern sind wir alle ‘Opfer der Zustände’.
Prinzipiell hast Du recht: eine partriarchale Gesellschaft dient nur den wenigsten. Es geht mir aber nicht darum, „Opfer“ zu sein. Ich fühle mich meistens nicht als Opfer. Es geht mir – als Soziologe – nur heftig gegen den Strich, wenn manche Leute (nicht Du) Großkollektive konstruieren, die zugleich ausschließlich entweder Opfer oder Täter sind. Wissen wir doch, dass hinreichend Opfer auch Täter oder Täter zugleich Opfer sind. Was im übrigen nichts an der Beurteilung von Gewalttaten ändert in meinen Augen: Auch wenn einer Opfer war, hat er nicht das Recht, Gewalt auszuüben.
Hauptproblem bei dieser Dichotomisierung ist aber, dass hier auch ein Kollektivzusammenhang hergestellt wird von einigen Leuten. Weil es männliche Täter gibt, wird von manchen geschlossen, dass alle Männer mit diesem einen Täter irgendwie im Bunde stehen. Aber das ist nicht richtig. Ich habe als Mittelschichtsweichei ohne jede Prügelerfahrung nichts gemein mit meinen machoistischen Geschlechtsgenossen aus anderen Milieus. Dort gibt es Leute, die Schlägereien als „männlich“ empfinden. Diese Leute sind schlicht eine Bedrohung für mich, sonst nichts. Selbst auf einer gesellschaftlichen Metaebene gibt es zwischen mir und jenen eher geringe Verbindungen. Allenfalls könnte man mir vorwerfen, als Mittelschichtler von einer Gesellschaftsordnugn zu profitieren, die die Machoisten von den Aufstiegen fernhält und möglicherweise deren Gewaltkultur damit noch befeuert.
Genauso halte ich nämlich für richtig, dass Männer in der Regel (das sind zur Verdeutlichung von Strukturen hier alles starke Verallgemeinerungen und natürlich gibt es jede Menge Ausnahmen in alle Richtungen..) mehr von patriarchalen Strukturen profitieren, einfach weil sie sich eher aussuchen können, ob sie auf der Gewinner- oder Verliererseite in diesem Spiel stehen.
Ja, das ist so. Zumindest für die Männer, die aufsteigen können. Oder für diejenigen, die in kulturellen Umfeldern leben, die eine althergebrachte Geschlechterordung rigide stabilisieren.
Dasselbe lässt sich am Beispiel “Die Kollegin verdient weniger Geld” / “Die Hausarbeit wurde schlechter beurteilt” etc. durchdeklinieren.“
Auch hier gebe ich Dir recht: Natürlich nehmen die meisten ihren Vorteil wahr bzw. kümmern sich nicht um den Nachteil der anderen.
Damit sind wir dann bei den Individuen. Natürlich sind wir Individuen und nicht nur Teil einer wie auch immer definierten Gruppe. Nur: selbst wenn ich mich jetzt gerade wenig als Frau, sondern vor allem als Mensch fühle und weiß, dass ich abstrakt denken kann und eine gute räumliche Vorstellung habe, werde ich trotzdem permanent damit konfrontiert, dass ich das als Frau ‘natürlich’ nicht kann. Männer in anderen Fragen auch, aber im Resultat haben diese Zuschreibungen eben vor allem diskriminierende Auswirkungen gegen Frauen.
Ja, auch richtig. Es gibt diese diskriminierenden Zuschreibungen. Keine Frage.
Mich ärgern in diesem Zusammenhang aber mehrere Dinge:
Erstens glauben manche Damen, Frauen seien ausschließlich Opfer und Benachteiligte. Dabei übersehen sie, dass Frauen hier und da auch Macht ausüben und selber Folgen verursachen – Stichwort Schule. Es geht nun nicht darum, irgendetwas aufzurechnen.
Zweitens stört es mich, wenn einige partout verleugnen, dass es auch Diskriminierung gegen Männer gibt (ich wiederhole: ich bin kein Opfer). Man kann nicht einerseits von den Männern Demut und Selbstkritik erwarten, aber andererseits sämtliche Selbstreflektion verweigern. Das ist höchst ärgerlich. Denn hinter manchen Vorwürfen mancher Frauen stecken durchaus sehr negative abfällige Bilder über Männer per se. Und die nerven, sie sind auch mitunter wirklich schwer erträglich (zumindest für solche Mittelschichtsweicheier wie mich).
Drittens sind solche männerfeindlichen Stereotypen auch schon in die Institutionen eingewandert. Wenigstens in einige. Man versuche mal eine nüchterne Kritik und Auseinandersetzung mit einigen Zweigen der Gender-Forschung. Das geht nicht gut aus.
Aber um Missverständnisse zu vermeiden: Ich fühle mich nicht als Opfer und Unterdrückter und ich wähne mich nicht als Insasse einer feministischen Diktatur. Ich brauche keine Befreiungsbewegung (siehe die völlig verrückten “Maskulisten” *kopfschüttel*) . Ich mag nur solche holzschnittartigen Gesellschaftsdiagnosen nicht. Denn letztlich erzeugen diese dem Vulgärmarxismus ähnlichen Gesellschaftsbilder auch Folgen: Rigidität und Intoleranz. Schade eigentlich, dass die Sozialwissenschaften so oft vor allem als Rechtfertigungsmittel missbraucht werden.
Das scheint dich ja gerade sehr zu beschäftigen.. mich dünkt allerdings, dass viele Soziologen und Innen so denken, außer halt manche(r) Genderforscher(in).
Aber wenn man(n) in Genderfragen zur Gelassenheit aufruft, ist das dann schon Reproduktion patriarchaler Strukturen? Wer dies bejaht, ist, glaube ich, schnell dabei, vielleicht ganz nebenbei, alle mit einer totalen Ideologie zu konfrontieren, die jedes menschliche (und männliche) Verhalten an ihren eigenen Kriterien misst. Die von dir so kritisierte Dichotomie ist vorzüglich geeignet, in JEDES Handeln und Denken einzugreifen. Darin ist sie den Religionen sehr ähnlich. Die Heilsverkündung besteht dann in einer post-patriarchalischen Welt und wie diese aussieht, da kann die Genderforschung- und Philosophie, möglicherweise gar nicht von ihren Betreiber(inne)n beabsichtigt, die Deutungshoheit beanspruchen.
Zum Glück ist allein die gegenderte Sprache für viele (auch Frauen) so abschreckend, dass das nie Mainstream werden wird. Wobei der Papst (also wir alle) ja auch die lateinische Messe wieder eingeführt hat…
Wir leben in einer von Macht bestimmten Welt. Diese Macht ist das Abbild der Macht, die die Frau im Manne sucht und das Streben vieler Feministinnen ist es, sich diese Macht anzueignen, sie den Männern zu entreißen.
Die Wahrheit nach der sie auch im Kommentar suchen ist eben jene, das der Mensch sich selbst machen kann und wenn er in Machtdimensionen / Habendimensionen denkt, fühlt und handelt, dann kann er nichts anderes begreifen. Diese Menschen sind das Problem. Denn sie teilen die Welt in Feindbilder ein, manipulieren, konstruieren, intrigieren und gieren letztlich nach dem Besitz der Macht, der niemals gesättigt sein kann und diesen Kampf endlos weiter führt.
Es darf gar nicht eine Frauenbeauftragte oder einen Männerbeauftragten geben. Es müsste an JEDER Universität Menschen[rechts]beauftragte und Grundrechtsbeauftragte geben, die fernab jeglicher Parteinahme sich für die Sache des Rechts einsetzen. Aber genau das ist in einer Gesellschaft, deren Eckpfeiler Besitz und Macht ist, nicht möglich. Denn Recht wird zum Besitz selbst und zur Grundlage von Macht. Darum alleine drehen sich viele Auseinandersetzungen im Kreis, weil keiner der Betroffenen diese Zusammenhänge zugibt, oft nicht mal davon weiß (also sich dessen nicht bewußt ist) aber sie völlig verinnerlicht hat.
Somit hat die Feministin wenn sie um IHR “Recht” kämpft nichts anderes im Sinn als eine Macht über den Mann zu erlangen, während der (Macht)Mann sich zusehends seinem eigenen Spiegelbild gegenüber wiederfindet. Resultat in dieser Liebesfernen auseinandersetzung ist die Zersplitterung und damit die Entmachtung aller.
Bedauerlicher Zustand.
MFG