Plagiate sind nicht nur Verstöße gegen Urheberrechte oder gegen das Selbstverständnis mancher Berufe. Sie sind zugleich Projektionsfläche für einen Kulturpessimismus. Kulturpessimismus wiederum ist zwar konservativ, aber keineswegs allein das Problem der Milieus, die als konservativ gelten. Die Empörung über Plagiate kann dabei das trojanische Pferd sein, mit dem konservatives Denken die Verteidigungsanlagen des progressiven Geistes bezwingen kann. Zumindest kann ich das an mir selber beobachten.
Derzeit geistern Vorwürfe durch die Welt, ein junger Journalist habe Zitate von Quellen frei erfunden. Mich erinnert das sofort an die vielen dreisten Plagiate, die ich in jedem Semester in studentischen Hausarbeiten finde.Vor kurzem sorgte Sensationsautorin Hegemann für Schlagzeilen, weil sie von einem Blogger abgeschrieben hat.
In allen Fällen finden sich drei Themen, die sich zum Erzählmuster des Kulturpessimismus verbinden lassen. Dies erfordert freilich gewisse Pauschalisierungen.Einzelfälle müssen als Spitze eines Eisberges verstanden werden.
Erstens begegnet uns eine fehlgeleitete “Jugend”, die doch die Zukunft dieser Gesellschaft sein soll. Als Zukunft der Gesellschaft muss diese “Jugend” jedoch verlässlich sein. Die Gesellschaft kann nur fortbestehen, wenn die nachwachsenden Generationen die Werte dieser Gesellschaft verinnerlichen. Wer plagiiert, verstößt jedoch gegen den Wertekanon, weil er betrügt.
Zweitens muss dieser “Jugend” ein Verlust an fundamentalen Kulturkompetenzen diagnostiziert werden, nämlich der des Lesens und Schreibens von Texten. Solche Diagnosen gibt es wirklich, siehe Stefan Webers Buch “Das Googlecopypaste-Syndrom”. Kulturpessismismus wird das, weil wir oft die Geschichte als linearen Prozess hin zum Fortschritt ansehen. Ob Buchdruck oder die berühmte kopernikanische Wende, viele wissenschaftliche, technische und kulturelle Erfindungen sind als unverzichtbare Wegbereiter einer lebenswerten Gesellschaft verstanden worden. Es dürfte nicht sonderlich schwer fallen, Kommentare zu finden, die mangelndes Leseinteresse junger Menschen mit drohenden Gefahren für demokratische Teilhabe verbinden.
Drittens fehlt es an moralischer Reife, denn die “Täter” zeigen kein Unrechtsbewusstsein. Hier hinkt also die Persönlichkeitsentwicklung den gefordertem Wertekanon hinterher. Der erwähnte Stefan Weber zitiert aus reichem Erfahrungsschatz vielfältige Ausreden von plagiierenden Studenten. Der Typus des reuigen Sünders kommt dort nicht vor. Kniefälle und Schuldeingeständnisse sind selten. Ich kann das für meine Arbeit als Dozent bestätigen.
Mein persönlicher Kulturpessimismus entsteht an diesem Punkt.Plagiate sind für mich als Wissenschaftler ein Rätsel. Das Wissenschaftsethos verlangt den strikten Nachweis der verwendeten Quellen. Sich mit fremden Federn zu schmücken gilt als der Gipfel der Verwerflichkeit. Und weil ich als Wissenschaftler arbeite, bin ich diesen Vorstellungen auch dienstverpflichtet. Ich darf daher meine eigenen Werte mit der Unterstützung institutioneller Macht propagieren und durchsetzen. Dabei kann man leicht vergessen, dass auch das Wissenschaftsethos der sehr speziellen Weltsicht einer Subkultur entspringt. Weil ich mich derart in Deckung mit der mich beschäftigenden Institution befinde, findet meine Empörung über Plagiate ein festes Fundament. Zweifel kommen da nur schwer auf. Ich weiß, dass die Kollegen den Ärger über Plagiate teilen. Ich kann mir ihrer Zustimmung sicher sein. Wenn ich den Sanktionsapparat der Uni anrufe, um die Plagiatoren zu bestrafen, dürfte er willig und schnell zuschlagen. Ich müsste mich nicht sonderlich rechtfertigen, solange ich die Plagiate nachweisen kann.
Wer so in Einklang mit seiner Welt ist, verwechselt schnell seine persönlichen Werturteile mit unumstößlichen, allgemeingültigen Verhaltensrichtlinien. Wer plagiiert, erscheint aus so einer Sicht als verworfener Mensch. Die eigene Mission im Kampf gegen diese Verworfenheit wirkt geradezu heilig. Das verschafft dem Kämpfer gegen Plagiate natürlich eine gewaltige Bedeutung. Ein Konservatismus, der fortlaufend die Bewahrung der Werte gegen den allfälligen Verfall anmahnt, ist daher eine gewinnbringende Strategie. Hier hält die Pose des Entlarvers und Bestrafers Einzug.
Dieses Aufgehen in der eigenen Berufsrolle, die ja ein positives Selbstbild ermöglicht, macht blind für die Wechselfälle des Lebens. Zuerst vergisst man als Dozent, dass Studierende diese Texte primär produzieren, um Noten zu erhalten. Die Erwartung, Studierende hätten von Anbeginn das selbe Ethos wie ihre Lehrer, ist illusionär. Für sie ist das Texten vorrangig ein ökonomisches Problem. Und wo in der Wissenschaft ein ähnlicher Zwang besteht, schnell und viel zu publizieren, steigt offenbar die Zahl der Plagiate ebenso.
Der heilige Zorn über Plagiate macht zudem blind für den Umstand, dass sich Menschen entwickeln. Ich selbst habe immerhin erlebt, dass mancher einst plagiierende Student sich später hervorragend entwickelt hat. Die hohe Moral im Falle von Plagiaten sorgt schnell dafür, solche Entwicklungsmöglichkeiten für unmöglich zu halten. Sobald sich ein kulturpessimistisches Weltbild verfestigt hat, steigt aber die Gefahr, ein Plagiat allzu heftig zu bestrafen. Denn dann sieht man das einzelne Plagiat an als das Fanal einer großen Gefährdung. Man bekämpft dann mit großer Geste den gesamten befürchteten Untergang des Abendlandes in dieser einzelnen Person. Dass das zu übertriebener Härte führen kann, ist leicht einzusehen.
Schließlich vergisst der Missionar schnell, dass jeder Fehltritt und jeder Mensch eine eigene Geschichte hat. Er nimmt das Plagiat nur noch als typische Handlung war und den Plagiator als Gattungswesen, in dem sich die Misere einer ganzen Epoche ausdrückt. Doch diese Generationentypologien sind oft unhaltbar. Sie übersehen, dass die große Masse der jungen Leute sich korrekt verhält. Sie übersehen auch die durchaus individuellen Gründe mancher Studierenden oder Autoren, zum Plagiat zu greifen. Was wir im Gerichtssaal für selbstverständlich erachten, nämlich die genaue Prüfung des Einzelfalles vor einem Schuldspruch, wird im Hörsaal oder in den Kommentarspalten der Zeitungen gerne ignoriert.
Zu guter Letzt muss man darüber nachdenken, welche Möglichkeiten die entlarvten Plagiatoren haben, ohne schwerwiegenden Gesichtsverlust wieder aus dem Schlamassel herauszukommen. Aber genau das ist die Voraussetzung dafür, die eigenen Fehler zu korrigieren. Doch wenn man ihnen ein dauerhaftes Stigma verpasst, dass sie für alle Zeiten als Sünder brandmarkt, versperrt man ihnen jeden Weg zur Umkehr. Das gilt besonders für die Fehltritte, die öffentlich skandalisiert werden.
Man täte also gut daran, genauer hinzuschauen und etwas vorsichtiger mit dem Einsatz von Machtmitteln umzugehen. Demut täte gut und ein Verzicht auf die hohe Moral. Gerade letztere war schon allzuoft Rechtfertigung für manchen Exzess gegen die individuelle Freiheit.
Wenn ein Plagiat nicht als solches identifiziert wird, ist es dann ein Plagiat, oder einfach eine ausgezeichnete Arbeit? Ist die Auswahl der kopierten Texte nicht auch schon ein schöpferischer Akt? Ist Hegemanns Roman deswegen weniger lesenswert, weil sie Bruchstücke anderer Texte remixt hat? Beruhen nicht Schlüsse, die wir ziehen, Kreativität, die wir in Worte fassen, auf Erkenntnisse anderer, die wir lediglich neu verknüpfen?
In diesem Zusammenhang hörenswert: Medienradio 21 – Zufällige Doppelschöpfung mit Urheberrechtsfachmann Till Kreutzer. http://medienradio.org/mr/mr021-zufallige-doppelschopfung/
Lieber Tharben, Du vermengst da ein paar Dinge. Die Plagiate in den Hausarbeiten lassen gewöhnlich jede Kreativität vermissen. Dadurch fallen sie ja auch erst auf. Dort wird in der Regel wortwörtlich bei wikipedia zitiert – ob es nun passt oder nicht. Das sind keine Remixe, das sind meistens plumpe Versuche, Text zu schinden. Und dann gibt es auch das Problem des Plagiats. Sie lassen erkennen, dass der Verfasser sich keine Mühe gegeben hat, nicht nachdachte, keine eigene Idee entwickelte.
Und wenn diese Plagiate nicht rauskommen, weil jemand eine Hausarbeit jenseits des Internets abschrieb, mag das wie eine ausgezeichnete Arbeit wirken. Aber es ist eine Täuschung, denn ausgezeichnet war dann ja die Leistung eines anderen. Der angebliche Verfasser gibt nur vor, das geleistet zu haben. Das ist das Problem.
Wer sich die Mühe machen würde, es passend zu machen und die Zitate in eigenem Sinne zu collagieren, der würde auch eine gute Arbeit schreiben. Für den wäre nur noch das Problem, die Zitate zu kennzeichnen als solche. Hier wäre ich auch nicht ganz so streng. Das gilt auch für Hegemann. Die hat wohl eher kreativ collagiert.
[...] This post was mentioned on Twitter by David. David said: Das Plagiat als trojanisches Pferd des Kulturpessimismus http://bit.ly/ayDfcO [...]
Der angebliche Verfasser gibt nur vor, das geleistet zu haben. Das ist das Problem.
Wessen Problem ist das? (Jetzt mal grundsätzlich, konkret ist es wohl dein Problem.)
Nach dem Infinite-Monkey-Theorem gibt es nur eine begrenzte Anzahl an Möglichkeiten, die Atome eines Werkes – nehmen wir Buchstaben, Wörter oder Noten – so zusammen zu setzen, dass daraus etwas Sinnvolles entsteht.
Ich kann mir vorstellen, dass es dir in deiner alltäglichen Arbeit eher darum geht, zu erkennen, wer gröber und wer feiner remixt hat. Ich will lediglich darauf hinaus, dass beides ein Remix bleibt.
Wollte man also eine Grenze ziehen, so müsste man zwischen dem guten, feingliedrigen Remix und dem zu groben, ganze Textsegmente übernehmenden Remix unterscheiden. Sprache, die immerhin auch Ergebnis eines kreativen Prozesses ist, darf man gefahrlos nutzen. Begriffe und Teilsätze vielleicht auch noch. Zusammenhänge und Schlussfolgerungen? Ja, wenn sie hinreichend umformuliert wurden.
Ehrlich gesagt wollte ich nicht darüber richten müssen, ob ein Plagiat vorliegt oder nicht. Ich möchte aber dafür werben, Monopolrechte wie Urherber- und Patentrechte zu überdenken. Sie existieren nur aus wirtschaftlichen Erwägungen, wirken aber mittlerweile wirtschafts- und kreativitätshemmend.
In der Uni geht es nicht um Urheberrechte. Es geht auch nicht um Originalität. Diese ist – wie Du ja richtig sagst – nur begrenzt möglich. Ich will Lerneffekte erreichen. Die Studierenden sollen die Erkenntnisinstrumente der Wissenschaft selbstständig einsetzen können. Dazu müssen sie auch selber denken. Das heißt noch lange nicht, dass sie die Instrumente laufend neu erfinden müssten. Es ist wie in der Anwendung der Mathematik. Man soll nicht immerfort neue Algorithmen erfinden. Oft genügt die Nutzung der vorhandenen. Aber man muss auf diese Algorithmen auch selber kommen können, wenn es das praktische Problem erfordert. Man muss dann wissen, wo der Algorithmus steht, wie man ihn benutzt usw. Diejenigen, die ich beim Klauen aus wikipedia erwische, vermeiden diese Denkaufgabe. Das ist das Problem. Sie denken nicht nach, sie puzzlen gedankenlos Fragmente zusammen. Dabei verinnerlichen sie die wissenschaftlichen Konzepte nicht. Sie setzen sich auch nicht mit ihnen auseinander. Da ist der Lerneffekt gleich Null. Gemessen am Ziel der Schulung des wissenschaftlichen Blicks ist das also der Ernstfall. Das ist aber eine ganz andere Ebene als der Umgang der Musikindustrie mit dem Thema. Dort geht es tatsächlich um Geld.
PS. So lieb bin ich übrigens gar nicht.
Die Diskussion über Plagiate ist auch in anderen Kreisen auf einen anderen Stand. Nehmen Sie einmal die Einstellung der asiatischen Kultur zu unserer europäischen Einstellung zu dem Sachverhalt des Plagiats.