Derzeit habe ich den Eindruck, dass das neue Heilsversprechen zur Lösung aller drängenden (vor allem beruflichen) Sorgen von Wochenend-Seminaren ausgeht. In ein bis zwei Tagen soll man lernen, wie man seinen Tag plant, wie man seinen Stress bewältigt oder wie man sich die richtigen Ziele setzt. Für jedes Problem gibt es einen Kurs mit dem dazu gehörigen optimistischen Dozenten. Mit gruppendynamischen Spielen ohne viel Theorie wollen diese Kurse die nötigen Rezepte vermitteln, um alle möglichen Probleme in den Griff zu kriegen. Aber können sie das wirklich? Oder handelt es sich bei dem wuchernden Kursangebot nicht eher um eine virale Verbreitung der ewig gleichen Tools, die mehr Versprechen denn Lösung sind?
Ich will meinen Verdacht begründen.
So traf ich bei einer Internetrecherche zum Thema Hochschuldidaktik auf einen “Leitfaden zur Interpretation der Lehrveranstaltungsevaluation”. In diesem Leitfaden gibt es auch allerlei Tipps zum Gestalten didaktisch anspruchsvoller Uni-Seminare. Und es gab die ALPEN-Methode. Das machte mich etwas stutzig. Diese Methode der Zeitplanung und Prioritätensetzung kenne ich hauptsächlich aus der Ratgeberindustrie. Sie füllt die vielfältigen Bücher zum Thema Zeitmanagement.
Die Existenz dieser vielen Ratgeber ist selber auch ein Indiz – nämlich dafür, dass guter Rat zum Thema Zeit teuer ist. Offenbar ist der Bedarf hoch und das Geschäft mit diesen Büchern gut. Aber das Geschäft müsste austrocken, wenn die Bücher hielten, was sie versprechen. Denn irgendwann müssten die Methoden des Zeitmanagement sich verbreiten und als allgemeine Kulturtechniken überall Verwendung finden. Doch offenbar ist das nicht der Fall.
Jedenfalls war ich etwas irritiert über die ALPEN-Methode in einem hochschuldidaktischen Faltblatt. Macht das wirklich Sinn oder haben die Autoren dieses Faltblattes am Ende nur in den “Werkzeugkasten” der Beratergilde gegriffen?
Bekanntermaßen stammen diese Methoden aus dem Reservoir der Betriebswissenschaft. Es ist ja nicht umsonst von Zeitmanagement die Rede. Man soll mit seiner knappen Zeit genauso haushalten wie mit Geld. Das ist ganz im Sinne von Arbeitgebern, die an effizienten Mitarbeitern interessiert sind. Dass das Leben manchmal verzwickte Probleme bereithält, die sich so nicht managen lassen und deren Lösung durch keine Zielvorgabe antizipiert werden kann, steht dann auf einem anderen Blatt. Als Forscher jedenfalls weiß ich, dass Forschungserfolg keineswegs planbar ist.
Dass hier also BWL-Methoden zitiert werden, macht stutzig. Aber noch mehr machte mich ihre Verbreitung nachdenklich. Denn ich erinnerte mich jetzt an ein Buch von Thomas Leif über die Nachwuchssorgen der Parteien. Er berichtet dort von Schulungsmodellen für Nachwuchspolitiker. Von den Parteizentralen werden mehrwöchige Kurse (Wochenendseminare)angeboten, die sich an Mandatsträger richten. Das hehre Ziel: man will die Fachpolitiker von morgen ausbilden. Aber welche Inhalte werden dort vermittelt?
Dazu Leif (über die SPD-Schulung):
Alle Teilnehmer bekommen zum besseren Verständnis ein 75-seitiges wie ein Geheimnis gehütetes “handout”, das vorwiegend im Powerpoint-Stil ein Potpurri der gängigen Management-Theorien bietet. Die Trainer haben offenbar verstanden, dass man diese Zielgruppe nicht mehr mit langen Texten animieren kann. [...] Der Streifzug durch die Management-Erfolgsliteratur wirkt wie die “Best-of”-Listen, die ein 400-Seiten -Buch für “Schnellleser” auf vier Seiten reduzieren. (Leif: Ausgebrannt. S. 143
Vermutlich kommt die ALPEN-Methode und so manch anderer Klassiker der Ratgeberliteratur dort auch vor.
Der Umfang dieser Schulung beträgt: 6 Wochenendkurse. Man fragt sich angesichts dessen, warum man dann Jahre für ein Studium braucht – um dann anscheinend doch nichts nützliches für den Alltag gelernt zu haben?
Als Soziologe erlaube ich mir, skeptisch zu sein. Weniger, weil es sich um ökonomische Versatzstücke handelt, sondern wegen ihrer Verbreitung und ihrer Darreichungsform.
- Es gibt immer eine Lösung für das Problem
- Die Lösung ist einfach, kurz, man muss nur tun, was die Rezepte empfehlen
- Der Werkzeugkasten deckt vorgeblich alle denkbaren Probleme ab (man fragt sich, warum es noch Probleme gibt, wenn denn alles so einfach ist. )
Und das eint die Ratgeber zum Zeitmanagement, zum persönlichen Charisma wie auch die zum reibungslosen Ablauf von Uni-Lehrveranstaltungen. Dazu sei beispielhaft das erwähnte Faltblatt zitiert:
Was tun, wenn die Studierenden nicht auf Ihre Fragen reagieren?
Wenn Sie keine Rückmeldung auf Ihre Frage erhalten, sollten Sie zunächst abwarten. Schweigen bedeutet häufig, dass die Studierenden etwas Zeit brauchen, um über die Fragestellung nachzudenken. Wenn das Schweigen ungewöhnlich lange andauert, können folgende Fragen stellen:
„Wo genau ist das Problem?“ oder
„Soll ich meine Frage wiederholen und neu formulieren?“
Wenn sich das Schweigen mehrfach wiederholt, sollten Sie darauf eingehen:
„Sie haben jetzt einige Male geschwiegen. Ich weiß nicht, wie ich das deuten soll. Helfen Sie mir weiter!“ (Weidenmann 1995, S. 75).
Ich stelle mir zu diesem Text einen entsprechenden Didaktik-im-Schnelldurchlauf-Trainer vor, stets agil und lebendig wie ein Duracell-Hase. Interessant ist hier der unbegrenzte Lösungsoptimismus. Das nun wirklich gravierende Problem der studentischen Beteiligung in Seminaren wird hier in zwei, drei Tipps gelöst. Fertig. Und das, nachdem sich Jahrzehntelang die Professoren und ihre dienstbaren Assistenten umsonst um eine lebhaftere Seminaratmosphäre bemüht haben. Ja, haben sie denn diese Tricks nicht gekannt? Entweder sind ganze Generationen von Hochschullehrern pädagogische Blindschleichen gewesen – oder aber der hier angepriesene Trick ist gar nicht so toll, wie er tut.
Meiner Erfahrung nach trifft letzteres zu. Einfache Nachfragen dieser Art lösen das Problem studentischen Schweigens nicht. Manchmal muss man die erhofften Wortmeldungen eher mit Autorität und Macht einholen. Man kann nicht immer – wie hier naiv unterstellt, auf die Freiwilligkeit hoffen. Das räumt den Studierenden schließlich auch die Entscheidung ein, weiter zu schweigen.
Es ist bedenklich, dass die komplizierte Beziehung zwischen Lehrperson und Lernenden durch ein paar schlichte Tipps schon hinreichend beschrieben sein soll. Es ist noch bedenklicher, dass diese Art von vermeintlichen Powertools auf verschiedensten Handlungsfeldern eingesetzt werden. Immerfort scheint von alledem nur das Versprechen übrig zu bleiben, man könne – wie die Zeit-Ratgeber von Lothar Seiwert z.b. – ein zentrales Lebensproblem innerhalb von 30 min analysiert und einer Lösung zugeführt haben. Das klingt am Ende mehr nach Regenmacherei.
Wider den Unfug! Sehr schön!