Kritik an der verdrechselten Wissenschaftssprache kommt immer gut an. Heute kann man auf SZ-Online das passende Zitat von Popper dazu lesen:
“Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.” Das hat der Philosoph Karl Popper als Leitsatz für die Wissenschaft ausgegeben.
Dem kann man prima facie nur zustimmen. Aber irgendwie stimmt etwas nicht mit dem Satz.
Natürlich sollte jemand so lange an seinen Erkenntnissen und Formulierungen arbeiten, bis andere sie auch verstehen können. Ich mag Texte auch nicht, die mich vor größte Rätsel stellen oder die in aufgeblasenen Jargon Binsenweisheiten zum Besten geben. Aber dennoch ist der Satz von Popper historisch überlebt. Heute heißt es doch, man solle möglichst viel in möglichst kurzer Zeit publizieren. Wer heute noch weiter arbeitet, “bis er es klar sagen kann”, gilt als notorisch faul oder unfähig. Denn das hieße ja, anstelle von 20 Texten nur einen zu machen. Das sieht dann auf der Publikationsliste, diesem Fetisch des akademischen Betriebes, gar nicht gut aus. Poppers Rat ist hemmungslos nostalgisch und romantisch – aus heutiger Sicht.
Für den Leser wäre es sicher besser, wenn er anstelle einer Liste von 100 Aufsätzen eines Autors ein oder zwei wesentliche Bücher fände. Er müsste sich nicht durch endlose Seiten von halbgaren Erkenntnissen quälen. Denn das bieten diese Vielschreiber oft. In jedem Aufsatz gibt es nur einen Krümel interessanter Erkenntnis. Um das Theoriegebäude dieses Autors zu ermitteln, muss man sein gesamtes Aufsatzoeuvre studieren, aber überall begnügt der sich mit einer Idee und vagen Andeutungen. Wie oft hätte ich manchen Schreiber dazu verdonnert, sich mal in Klausur zu begeben, um seine Theorie mal gründlich auszuarbeiten! Nur karriereförderlich ist so etwas gegenwärtig nicht. Daher muss man wohl noch ein Weilchen mit der Flut oft wenig relevanter Beiträge leben. Und selber muss man sich damit abquälen, in diesem Konzert der Belanglosigkeiten mitzuschreiben. Denn die Karrierebedingungen sind paradox: erst die Vielschreiberei von nicht ernst zu nehmenden Publikationen weist mich als ernst zu nehmender Wissenschaftler aus!
Popper hat ja auch nicht nur verständlich geschrieben. Und in der Soziologie gab es leider eine Phase, in der Unverständlichkeit und absurde Begrifflichkeiten geradezu als Qualitätsmerkmal aufgefasst wurde.
Ideal wäre es natürlich, wenn man verständlich schreiben kann, ohne weiterzuarbeiten, und dabei auch noch etwas Substanzielles – darf ich remixt sagen? Somit bliebe die Publikationsliste konkurrenzfähig und man hätte die Chance, neue Maßstäbe zu setzen.